Albtalsichtbar: Waldbrandgefahr im Gaistal bei Bad Herrenalb – wie viel Totholz verträgt der Wald noch?
Albtalsichtbar: Waldbrandgefahr im Gaistal bei Bad Herrenalb – wie viel Totholz verträgt der Wald noch?
Artikel von Donald Pennet, Albtalsichtbar – Blog für das Albtal, Bad Herrenalb und die Region Nordschwarzwald
Vor wenigen Wochen konnte die Feuerwehr Bad Herrenalb einen Brand im Bereich der Felsen bei Bad Herrenalb schnell löschen. Ein Glücksfall – und gleichzeitig ein Weckruf. Denn die Stadt Bad Herrenalb selbst warnt aktuell öffentlich davor, dass sich die Waldbrandgefahr durch anhaltende Hitze- und Trockenperioden in den letzten Jahren spürbar verschärft hat. Bereits wenige heiße Tage reichen aus, um Böden und Unterholz auszutrocknen.
Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein genauerer Blick auf einen Ort, der viele Menschen im Albtal regelmäßig zum Spazierengehen und Wandern einlädt: das Gaistal bei Bad Herrenalb. Bei einem Rundgang dort fällt auf, wie viel feines, trockenes Astmaterial auf dem Waldboden liegt – Reisig, dünne Zweige, abgestorbene untere Fichtenäste. Das wirft eine sachliche Frage auf, die über das Gaistal hinausweist: Wie viel Totholz verträgt ein Wald, bevor aus ökologischem Nutzen ein Brandrisiko wird?

Was man beim Gang durch das Gaistal beobachten kann
Ohne daraus vorschnelle Schlüsse zu ziehen, lässt sich rein beschreibend festhalten:
- Die Bestände im Gaistal sind stellenweise stark von Nadelbäumen, vor allem Fichte, geprägt, mit vergleichsweise wenig Unterwuchs.
- Am Waldboden liegen größere Mengen feines Astmaterial – dünne Zweige, Reisig, Erntereste.
- Mehrere Bäume zeigen abgestorbene untere Äste, was in dichten Fichtenbeständen nicht ungewöhnlich ist.
- Der Waldboden wirkt an solchen Stellen trocken, geprägt von Nadelstreu und Holzresten statt üppiger Bodenvegetation.
- Es handelt sich überwiegend nicht um große, liegende Stämme, sondern um dünnes Material.
Was sich daraus nicht ableiten lässt: wie feucht das Material an einem bestimmten Tag tatsächlich war, ob es aus jüngeren forstlichen Arbeiten stammt oder sich über längere Zeit natürlich angesammelt hat, und ob im Gaistal ein höheres Risiko besteht als in vergleichbaren Waldstücken der Umgebung. Das lässt sich nur vor Ort und mit forstlicher Fachkenntnis beurteilen – ein Foto ersetzt keine fachliche Einschätzung.

Nicht alles, was als "Totholz" gilt, verhält sich im Brandfall gleich
In der öffentlichen Debatte wird oft pauschal über "Totholz" gesprochen, als handle es sich um eine einheitliche Kategorie. Fachlich ist die Unterscheidung entscheidend, wie auch WWF Österreich in einer ausführlichen Analyse zum Zusammenhang von Totholz und Waldbrand darlegt.
Feinbrennstoffe – trockene Nadeln, Laub, Gras, dünne Äste und Reisig – besitzen ein großes Verhältnis von Oberfläche zu Volumen. Sie trocknen innerhalb weniger Stunden aus und entzünden sich entsprechend leicht. In der Praxis bestimmen genau solche feinen Materialien häufig, ob ein Feuer überhaupt entstehen und sich am Boden ausbreiten kann.
Starkholz – große Stämme und dicke Äste – verhält sich umgekehrt. Es braucht deutlich mehr Energie, um sich zu entzünden, und speichert, besonders in fortgeschrittener Zersetzung, oft noch Restfeuchtigkeit. Größeres, feuchtigkeitsspeicherndes Totholz kann ein bereits bestehendes Bodenfeuer sogar ausbremsen, wie auch die WWF-Analyse und weitere Quellen zu diesem Thema beschreiben.
Aus dieser Unterscheidung leiten Fachleute konkrete Empfehlungen für das Totholzmanagement in brandgefährdeten Wäldern ab. So schlagen Frey und Adelmann (2024) vor, größeres Totholz gezielt zu fördern und dünneres Material zu reduzieren, mit einem Schwellenwert von etwa 17,5 cm Durchmesser als grober Orientierung. Eine weitere Maßnahme sind sogenannte Totholzinseln: "In diesen Inseln können größere Mengen Totholz konzentriert werden" (WWF Österreich), wodurch gleichzeitig naturschutzfachlich wertvolle Bereiche und totholzärmere, brandsicherere Zonen entstehen.

Warum Totholz trotzdem unverzichtbar bleibt
Diese Differenzierung bedeutet ausdrücklich nicht, dass Totholz grundsätzlich problematisch wäre. Abgestorbene Bäume und Äste erfüllen zentrale ökologische Funktionen:
- Lebensraum für Käfer, Pilze und zahlreiche Insektenarten
- Brutplätze für Spechte und andere höhlenbrütende Vogelarten
- Rückzugsorte für Amphibien und Kleinsäuger
- Wasserspeicherung, besonders bei stark zersetztem Holz
- Rückführung von Nährstoffen in den Waldboden
Ein naturnaher Wald enthält deshalb immer einen gewissen Anteil an Totholz – die Frage ist nicht "ob", sondern "welches, wo und wie viel".
Die Rolle von Waldstruktur und Klimawandel
Das Brandrisiko hängt nicht allein an der Totholzmenge. Baumartenmischung, Kronenschluss, Bodenvegetation, Hanglage und lokales Mikroklima spielen ebenso eine Rolle. Strukturreiche Mischwälder mit Laub- und Nadelbäumen beschatten den Boden häufig stärker und halten Feuchtigkeit länger als reine Nadelholzbestände – ein Effekt, der sich auch bei anderen Rundgängen durch die Wälder rund um Bad Herrenalb und das Albtal beobachten lässt.
Mit dem Klimawandel verändert sich dabei nicht die ökologische Funktion des Totholzes, wohl aber die Rahmenbedingungen: Längere Hitzeperioden und Trockenphasen lassen auch größere Mengen organischen Materials zunehmend austrocknen. Genau das macht die Unterscheidung zwischen wertvollem Starkholz und feinem, schnell brennbarem Reisig für Regionen wie das Albtal praktisch relevanter, als sie es noch vor einigen Jahren war.
Was die Stadt Bad Herrenalb dazu rät
Auch die Stadt Bad Herrenalb weist aktuell öffentlich auf die gestiegene Waldbrandgefahr hin und erinnert an die gesetzlichen Regelungen, die vom 1. März bis zum 31. Oktober in deutschen Wäldern gelten: striktes Rauchverbot, Verbot von offenem Feuer und Grillen außerhalb ausgewiesener Grillplätze sowie der Hinweis, Fahrzeuge niemals über trockenem Gras zu parken. Aktuelle Waldbrand-Warnstufen für die Region lassen sich laufend über den Waldbrandgefahrenindex auf wettergefahren.de einsehen. Wer Rauch oder Flammen im Wald bemerkt, sollte umgehend den Notruf 112 wählen.
Fazit: eine Frage der Differenzierung, nicht der Schuldzuweisung
Die Bilder aus dem Gaistal liefern keinen Beweis für ein erhöhtes Brandrisiko – dafür bräuchte es eine fachliche Vor-Ort-Bewertung durch Forst und Feuerwehr. Sie zeigen aber sehr anschaulich, worüber die Fachdiskussion tatsächlich geführt wird: nicht "Totholz ja oder nein", sondern die Frage, wie viel feines, trockenes Brennmaterial in welcher Lage vertretbar ist, ohne den ökologischen Wert des Waldes zu verlieren.
Für das Albtal und den Nordschwarzwald mit seinen beliebten Wandergebieten rund um Bad Herrenalb, Gaistal, Rotensol und die Felsen bedeutet das: Naturschutz und Waldbrandvorsorge lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Sie hängen zusammen – und verdienen deshalb eine sachliche, differenzierte Betrachtung statt einfacher Antworten.
FAQ
Erhöht Totholz grundsätzlich das Waldbrandrisiko? Nein. Entscheidend sind Art, Größe, Feuchtigkeit, Lage und Menge des Materials sowie die aktuellen Witterungsbedingungen.
Warum gilt Reisig als kritischer als große Baumstämme? Feines Astmaterial hat eine große Oberfläche im Verhältnis zum Volumen und trocknet daher innerhalb weniger Stunden aus, während dicke Stämme deutlich länger Feuchtigkeit speichern.
Ist Totholz im Gaistal ein bestätigtes Brandrisiko? Das lässt sich anhand von Fotos allein nicht feststellen. Es zeigt sich lediglich ein Zustand, dessen Risikobewertung eine forstfachliche Einschätzung vor Ort erfordert.
Wo finde ich aktuelle Waldbrand-Warnstufen für die Region? Die Stadt Bad Herrenalb verweist auf den Waldbrandgefahrenindex unter wettergefahren.de.
Weiterführend
Totholz und Waldbrand: Wann erhöht Totholz das Risiko – und wann schützt es sogar den Wald?